Der Blick aus dem Fenster

 

 

Reisen ist der neugierige Bruder der Ruhe. Wer verreist, will meist sehen und erleben, ohne sich groß anstrengen zu müssen. Darum ziehen es so viele Menschen vor, im Liegewagen über Nacht dem ersehnten Urlaubsziel zuzustreben und am frühen Morgen des neuen Tages in einer andersartigen, erholungsverheißenden Umgebung zu erwachen.

 

Das Gefühl unterwegs zu sein, vorwärts zu kommen, ist wohl eine der ältesten menschlichen Empfindungen. Reisen beglückt, ist Fernweh und Heimweh zugleich. Glück aber soll man nicht versäumen. Jede Reise ist ein Genuss, wenn man zu reisen und zu genießen versteht.

 

Schon den Ausblick des Anfahrens, die winkenden Menschen auf dem Bahnsteig, das langsame und doch unaufhaltsame Hinausgleiten aus dem Bahnhof, das freudig erregt klingende Rattern der rollenden Räder sind die liebenswerten Beigaben einer Fahrt in den Urlaub.

 

Wer z.B. um Mitternacht den Fernexpress von München besteigt und schon im ersten Morgendämmern durch das alte Südtirol fährt, die gepflegten Gärten, behäbigen Dörfer mit den frommen Kirchen, die blumengeschmückten Häuser sieht, zu den nahen Bergen mit Burgen und Schlössern ausblickt, wer den Brenner passiert, Brixen, Klausen und Bozen und dann über Meran nach Trient kommt, erlebt sichtbar den Übergang in das italienische Landschaftsbild. Es gibt nichts Schöneres als das Schauspiel der vorübergleitenden Landschaft, ständig wechselnd und stets interessant für jeden, der sehen will und kann.

 

Der graue Alltag entschwindet mehr und mehr. Je weiter wir uns vom gewohnten Leben entfernen, um so ehrlicher halten wir Einkehr bei uns selbst und werden aufgeschlossen für unsere Mitmenschen. Auf Reisen erscheinen sie uns froher und besser und ihnen geht es mit uns nicht anders.

 

Alles ist plötzlich so freundlich, so schön und so neu. Der Blick aus dem Fenster beweist ebenso wie unsere ständig wachsende beglückende Stimmung, dass der Urlaub wirklich begonnen hat.